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    Lehrstuhl für Europäische Ethnologie / Volkskunde

    Studium in Würzburg

    Der Begriff Volkskunde taucht erstmals Ende des 18. Jahrhunderts auf, doch kommt es erst rund einhundert Jahre später zur Ausbildung der Volkskunde als wissenschaftlicher Disziplin und 1919 zur Etablierung als Universitätsfach. Heute versteht sich die Volkskunde als historisch, empirisch und vergleichend arbeitende, soziologisch und sozialgeschichtlich orientierte Kulturwissenschaft, die sich mit Alltag, Kultur und Lebensweise breiter Bevölkerungskreise in Europa vom Mittelalter bis in die Gegenwart befaßt. Um den Menschen als kulturgeprägtes, kulturell handelndes und kulturschaffendes Wesen in Abhängigkeit von historischen, ökonomischen, gesellschaftlichen, geistigen und sozio-kulturellen Prozessen besser zu verstehen, werden mit Hilfe eines breitgefächerterten Methodeninstrumentariums Zeugnisse der materiellen Kultur wie der geistigen" Überlieferungen (Texte, Verhaltensweisen etc.) analysiert.

    Ausgehend von einem breiter als in anderen Disziplinen gefaßten Verständnis von Kultur versucht die Volkskunde zu ergründen, warum Alltägliches und scheinbar Selbstverständliches sich gerade so manifestiert. Wie gestalten die Menschen unseres Lebens- und Erfahrungsraumes heute ihr Dasein und wie haben sie es in den vorausgegangenen Jahrhunderten gestaltet, Frauen und Männer, Arme und Reiche, werktags und sonntags, auf dem Lande und in den Städten, in Krisen und in guten Zeiten? Für was, wie und womit arbeiten sie und haben sie früher gearbeitet, wie ernähren und kleiden sie sich, was erzählen und singen sie, wovon leben sie, wie wohnen sie, was glauben und wissen sie, wie werden sie mit Not und Gefahren fertig, wie feiern sie und wie funktioniert ihr Zusammenleben? Das Untersuchungsfeld einer modern ausgerichteten Volkskunde ist also längst nicht mehr auf das Sammeln von Märchen und Volksliedern oder auf die Bewahrung einer scheinbar heilen, vorindustriellen Welt mit kuriosem Aberglauben bzw. bunten Erzeugnissen sogenannter Volkskunst beschränkt, sondern umfasst das gesamte Spektrum der Kultur und Lebensweise unterer und mittlerer Sozialschichten in Europa. Zusammenfassend lassen sich die volkskundlichen Forschungsgebiete untergliedern in:

    Kulturanalytische Grundlagen:

    Kulturprozess und Kulturökonomie, Herrschaft und Kultur, Tradition und Wandel, Kulturraum und Identität ("Heimat"), Massenkultur und Subkultur, Kulturindustrie und Kreativität, Vermittlung und Kommunikation, Gruppe und Individuum, Norm und Verhalten, Enkulturation und Akkulturation, Interethnik.
    Spezielle Kulturbereiche: Kultur und Lebenensweise verschiedener gesellschaftlicher Gruppen, städtische und ländliche Lebensformen, Arbeiten und Wirtschaften, Wohnen, Ernährung, Kleidung, sprachliche Überlieferung ("Volkspoesie"), Popularästhetik ("Volkskunst"), Leben in überlieferten Ordnungen (Sitte, Brauch), Glauben, Wissen, Werte, Normen etc.

    Das Würzburger Volkskunde-Institut versucht, die große Bandbreite volkskundlicher Arbeitsfelder in seinem Lehrangebot bestmöglichst abzudecken. Andererseits wird das Lehrangebot durch die Forschungsgebiete der jeweiligen Dozenten mit derzeit folgenden Schwerpunken vertieft: jüdische Alltagskultur, Kulturanalyse von Extremsituationen (z.B. in Konzentrationslagern), Magie und Aberglaube, religiöse Verhaltensweisen, Erzählforschung (auch jüdische), populäre (Auto-)Biographik, Lesestoff-Forschung, populäre Bilderwelten, Museologie und Museumspraxis, Realienkunde, "Volkskunst", Umgang mit technischen Innovationen, Wissenschaftsgeschichte, Popularmusik, regionale Volkskultur, ländliches Wohnen und Wirtschaften, Fest und Brauch. Die Forschungsprojekte umfassen den Zeitraum vom Mittelalter bis zur Gegenwart.

    Volkskunde kann in deutschsprachigen Ländern an den meisten Universitäten studiert werden, wenn auch in teilweise unterschiedlicher Ausrichtung und unter verschiedenen Fachbezeichnungen (Europäische Ethnologie, Empirische Kulturwissenschaft, Kulturanthropologie etc.). Differierende Wissenschaftstraditionen führten dazu, dass eine der deutschsprachigen Volkskunde vergleichbare Universitätsdisziplin nicht in allen europäischen Ländern existiert, oder daß volkskundliche Inhalte im Rahmen anderer Universitätsfächer gelehrt werden (z.B. Sozialgeschichte und Ethnohistorie in Frankreich; Cultural Studies, Anthropology und Social bzw. Cultural Anthropology in den USA).

    Schließlich ergeben sich aus der Vielfalt volkskundlicher Forschungsfelder, denen auf der Ebene der Hochkultur Spezialdisziplinen wie z.B. die Kunstgeschichte entsprechen, aber auch in Theorie und Methodik Berührungspunkte mit zahlreichen Nachbarwissenschaften, wie der Sprach- und Literaturwissenschaft, Geschichte, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Soziologie, Geographie, Agrargeschichte, Theologie oder Theaterwissenschaft. Nicht zuletzt deshalb begreift sich die Volkskunde als interdisziplinär ausgerichtetes Integrationsfach.

     

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